„Seit rund 20 Jahren arbeite ich als freier Musiker und „Live-Künstler“ in verschiedenen Bands in der Umgebung Münchens.
 
Auch vor der momentanen Krise war es schon schwer umsetzbar, sich voll und ganz auf diese Tätigkeit als Lebensunterhalt zu verlassen, da sich die durchschnittlichen Verdienste bei gleichbleibender Buchung stark verringert, teilweise sogar halbiert hatten.
 
Seit dem 14. März 2020 wurden mir und vielen Kollegen diese Arbeit mit Verweis auf den Gesundheitsschutz untersagt.
 
In den ersten Wochen nahm man dieses Berufsverbot aufgrund der unklaren Lage noch allgemein widerspruchslos hin. Nach vier Wochen „Shutdown“ wurde dann bei Vielen das Geld knapp und erste kritische Stimmen wurden lauter. Die Verteilung der staatlichen Soforthilfen gestaltete sich für die meisten Kollegen sehr schwierig, da der Großteil unserer Zunft keine oder nur geringe „Fix-Kosten“ hat. Ja, wir leben von dem Geld, das wir uns über Gagen verdienen. Wir kaufen damit Lebensmittel, betanken unsere Fahrzeuge um zu den Auftritten zu kommen und bezahlen unsere privaten Mieten und Versicherungen. Nur dafür war die staatliche Hilfe nicht gedacht und viele mußten das Geld umgehend wieder zurückbezahlen oder der Antrag wurde von Beginn abgelehnt.
 
Als dann die Hilfen des „Landes Bayern“ angekündigt wurden, waren wir erleichtert und freuten uns, daß wir doch nicht vergessen wurden. Leider dauerte es sehr lange bis der Antrag online war. Auch in diesen Anträgen waren allerdings Klauseln, die es vielen Künstlern unmöglich machte, jene zu beantragen.
 
Zu Beginn des Sommers ging es dann vereinzelt ganz langsam wieder mit Konzerten los und wir schöpften neuen Mut unserer „Berufung“ nachgehen zu können. Doch auch das währte nicht lange: Da durch die Auflagen viel weniger Leute bei den Konzerten erlaubt waren als vorher, war der finanzielle Verlust enorm. Natürlich spielten wir jedes mögliche Konzert, auch wenn es finanziell nicht rentabel war.
 
Zu Beginn des zweiten „Shutdown light“ waren wir auch wieder von Anfang an betroffen. Dieser Zustand dauert bis zu diesem Tag an, ohne positive Perspektive. Viele hatten ihren Anspruch auf Hilfen mittlerweile auch dahingehend verwirkt, weil sie aus finanzieller Not einen Job angenommen hatten, um ihre Familien zu versorgen. So fahren jetzt viele ehemalige Kollegen für Amazon oder DHL, oder stehen bei McDonald’s an der „Drive Thru“ Kasse.
 
Wir Live-Künstler wurden in dieser Krise nicht nur mit unmittelbarer finanzieller Not konfrontiert, sondern unsere Kontakte zu Kleinkunstbühnen, Veranstaltern und Gastronomen, die wir über Jahre aufgebaut hatten, sind durch Pleiten und Geschäftsaufgaben in diesem Bereich nachhaltig zerstört worden.
 
Ich blicke nach einem Jahr Shutdown mit sehr traurigem Blick in die Zukunft. Ich befürchte, daß durch mediale Berichterstattungen der Fokus der Gesellschaft weiterhin auf Krankheitserregern und Keimen liegen wird. Durch „Social Distancing“ findet kaum noch persönlicher Austausch zwischen den Menschen statt und die „Realität“ wird nur noch im Fernsehen abgebildet. In dieser „neuen Normalität“ scheint kein Platz mehr für ausgelassene Parties, Singen, Tanzen und Lachen. Kein Platz mehr für Gaststätten, Straßenfeste und Konzerte. Also auch kein Platz mehr für Musiker, Schausteller und Künstler.“