In England müssen größere Ketten seit April Kalorienangaben im Menü ausweisen. In Deutschland gibt es diese Pflicht nicht. Aber Berlin prüft, ob das Sinn macht. Das Ernährungsministerium prüft verpflichtende Angaben. Gegner bringen sich in Stellung.

Anders als im Lokal sind in Deutschland die Pflichten für den Handel bereits eingeführt: Essen in Fertigverpackungen wird im Laden mit Kalorien-Angaben ausgezeichnet. Egal ob Chips, Quark oder Marmelade, auf der Ware stehen meist klein gedruckt die Nährwertangaben. Diese Pflicht ist Teil der Lebensmittelinformationsverordnung der Europäischen Union (EU).

Die Verbraucher sollen damit die Chance haben, bewusst auszuwählen. Das wiederum soll helfen, Übergewicht, Adipositas (Fettleibigkeit) und andere Krankheiten wie Diabetes in der Gesellschaft zurückzudrängen. Dieses Argument spielte auch in England bei neuen Speisekarten-Regel eine Rolle.

Viel Kritik am Vorstoß

Aber wollen die Verbraucher das überhaupt?
Ein Großteil der Menschen geht wohl eher ins Restaurant um sich verwöhnen zu lassen.

Freiwillige Netz-Infos sind das eine – ein gesetzlicher Zwang zu Energiewerten auf Karten wäre aus Sicht des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga) der falsche Weg. „Der Dehoga spricht sich deutlich gegen die verpflichtende Angabe von Kalorien auf Speisekarten in heimischen Restaurants aus“, stellt Ingrid Hartges, Hauptgeschäftsführerin des Bundesverbandes, klar. „Das neue Gesetz ist in Großbritannien umstritten – und das nicht ohne Grund.“

Für sie ist das Konzept kein geeignetes Mittel im Kampf gegen Übergewicht. „Das alleinige Zählen von Kalorien ersetzt keine ausgewogene gesunde Ernährung und Bewegung“, führt Hartges aus. Sie verweist auf Erfahrungen im Handel: „Es ist bekannt, dass Kunden im Supermarkt trotz der Angaben zu Lebensmitteln greifen, die besonders hohe Kalorien aufweisen.“ Zudem führt der Verband die Mehrarbeit für Lokale an: „In unserer Branche geht es um Genuss. Man stelle sich den bürokratischen Aufwand für die Betriebe vor mit zum Teil täglich wechselnden Angeboten, die für jedes Gericht die Kalorien für die einzelnen Zutaten in der jeweiligen Menge berechnen müssten.“

Ähnlich argumentiert Antje Gahl, Sprecherin der Deutschen Gesellschaft für Ernährung in Bonn: „Kalorien-Angaben auf Speisekarten stehen aus unserer Sicht nicht im Fokus, wenn es um gesunde Ernährung geht.“ Das Zählen der Energiewerte könne wichtig sein, wenn stark übergewichtige Menschen im Rahmen einer Therapie gezielt Kalorien reduzieren müssten. Aber im Alltag, auch beim Restaurantbesuch, zähle ein viel breiteres Verständnis, etwas Gesundes zu essen: Es gehe um Genuss, Geschmack, Qualität, Frische, Vielfalt, Ausgewogenheit, Freude beim Essen in angenehmer Atmosphäre.

In ausgewählten Bereichen sei das Kochen mit der Kalorientabelle umsetzbar – aber nicht überall. „Denn dazu müsste nach exakten Rezepturen immer genau gekocht werden.“ In kleineren Restaurants und in der gehobenen Gastronomie könnte so die Kreativität von Köchin oder Koch leiden, sagt die Ernährungsfachfrau. „Er kann dann seine Rezepte nicht nach Gefühl verfeinern, etwa mit Sahne oder einem Schuss Alkohol, weil sich dann der Kaloriengehalt ändert.“

Die Meinung des VEBWK

Auch wenn in England diese Verpflichtung nur für große Ketten gilt, so warnen wir vor einem gesetzlichen Zwang. Denn – früher oder später, kommt die Verpflichtung dann für alle gastronomischen Betriebe. Das Kochen mit frischen, regionalen Zutaten ist dann die Ausnahme, da der Aufwand für kleinere Betriebe kaum zu bewerkstelligen ist. Diese Diskussion ist einzig und allein ein Unterstützungsprogramm für Convenience-Produkte auf dem Weg zum Einheitsbrei. Gerade aber die Vielfalt der bayerischen Küche ist es, was die bayerische Lebensart ausmacht. Damit ginge auch ein Stück Wirtshauskultur verloren!