13 Apr 2021

Mein Name ist Martin Osterrieder. Ich betreibe seit 2012 das Gasthaus Siebenbrunn in München. Unser Lokal beschäftigt insgesamt 15 Mitarbeiter, zur Hälfte im Service, zur anderen Hälfte in der Küche. An diesen 15 Mitarbeitern hängen 15 Familien, die auf deren Einkommen angewiesen sind. Wir leben zu 75 % von Stammgästen, haben das ganze Jahr durchgehend geöffnet und nur an Weihnachten und Silvester, der Mitarbeiter wegen, geschlossen.

Als im Frühjahr 2020 der erste Lockdown kam, musste ich alle Mitarbeiter entlassen, weil ich nicht dazu in der Lage war, das Kurzarbeitergeld (20-30.000 €) vorzustrecken. Gerade die Wintermonate November, Januar und Februar, die sehr ruhig sind, „fressen“ die Ersparnisse auf. Alle Mitarbeiter bekamen eine Wiedereinstellungsvereinbarung für die Wiedereröffnung, die dann Mitte Mai erfolgte – und alle Mitarbeiter haben uns „die Stange gehalten“. Der Sommer lief dann sehr gut, was man auch am Trinkgeld gemerkt hat. Während die Servicekräfte in einem normalen Jahr ca. 8-10 % Trinkgeld erhalten, waren es vergangenen Sommer 12 %. Mit dem 2. Lockdown im Herbst erhielten Mitarbeiter, die normalerweise 3000 bis 4000 € netto hatten, mit dem Kurzarbeitergeld jetzt plötzlich nur noch 1200 €. Darauf hat keiner seine Lebensplanung ausgerichtet und das Geld langt hinten und vorne nicht.

Für mich als Wirt laufen die Kosten weiter: Bei der Pacht ist mir die Brauerei nicht entgegengekommen – diese läuft weiter und wird von mir pünktlich gezahlt, weil sonst der Rauswurf droht. Auch die Beiträge zur Berufsgenossenschaft laufen weiter, genauso wie die Rahmenverträge mit den Energieversorgern. Der Strompreis steigt sogar, obwohl wir alle Geräte die möglich sind, abgestellt haben. Was viele nicht wissen – die „günstigen“ Energiepreise sind an bestimmte Abnahmemengen gekoppelt. Da der Betrieb praktisch stillgelegt ist, passen jetzt die Abnahmemengen nicht und der Strompreis steigt.

Für die laufenden Kosten wie Pacht, BGN usw. musste ich 75.000 € Schulden aufnehmen. Zwar gab es im November und Dezember finanzielle Hilfen, davon musste dann aber auch das Kurzarbeitergeld abgezogen werden. Dabei hatten wir für den Winter sehr viele Reservierungen, vor allem auch Weihnachtsfeiern, die wegen des Lockdowns nicht mehr stattfinden konnten. Die Anträge für die finanziellen Hilfen sind viel zu kompliziert und die Hilfen kommen zu spät. Im Januar werden immer sämtliche Versicherungen fällig, da wurde dann aber erst die Novemberhilfe ausgezahlt. Ich kann ohnehin nicht verstehen, warum mit der Abwicklung der Anträge nicht das Finanzamt, sondern die IHK betraut wurde.

Meiner Beobachtung nach hat jetzt schon jedes 3. Wirtshaus den Speisekartenkasten leer. Diese Lokale werden auch nicht mehr aufsperren.  Viele Einzelhandelsgeschäfte in München haben ihre Schaufenster schwarz verhängt und an die Wirte im Tal möchte ich gar nicht denken. Die zahlen das 5-6-fache der Pacht, die ich zahle. Wenn wir im Mai nicht wieder aufmachen dürfen, dann werde ich den Pachtvertrag kündigen müssen, dann höre ich auf. Weil ich ein Einzelunternehmen bin und keine GmbH, wird das jedoch in keiner Statistik auftauchen.

Unsere Hygienekonzepte funktionieren. Wir hatten im Biergarten 1,5-2m Abstand zwischen den Bänken, separate Zugänge zu den Toiletten, Desinfektionsmittelspender usw. Letztes Jahr habe ich ungefähr 40.000 Gästeregistrierungszettel weggeworfen und kein einziges Mal hat jemand vom Gesundheitsamt angerufen. Ich kenne nicht einen einzigen Kollegen, der jemals angerufen worden wäre.

Worum es mir persönlich geht? Um Erfüllung! Ich stehe früh auf, habe eine Aufgabe, die ich mit Leidenschaft erledigen will und abends möchte ich mit einem zufriedenen Tagwerk in mein Bett gehen. Und was ist jetzt? Der Tag geht nicht mehr rum. Man fühlt sich überflüssig, obwohl man nichts dafürkann.

Was hier stattfindet, ist eine vorsätzliche Sabotage. Wir sperren alles zu, ohne jegliche Diskussion!

 

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