„Schicksale sind mehr als Inzidenzwerte“ – ein Bericht von Barbara Ritter, selbständig im Bereich Marketing im Gesundheitsbereich. Die Mutter einer kleinen Tochter lebt in der deutsch-österreichischen Grenzregion:
 
„Ich weiß, dass ich beruflich gesehen in der Coronakrise sehr privilegiert bin. Ich bin studierte Molekularbiologin und als Referentin und im Bereich Marketing im Gesundheitswesen selbständig. Meine Aufträge liefen wie gewohnt weiter, mein Büro habe ich zuhause.
 
Getroffen hat mich die „Söder-Coronapolitik“ insbesondere privat. Ich lebe in Tirol in der deutsch-österreichischen Grenzregion. Freunde und Familie leben nur wenige Kilometer von mir entfernt auf der deutschen Seite der Grenze. Als ich Ende 2020 zum ersten Mal Mama geworden bin, waren offene Grenzen für mich wichtiger denn je. Als Selbständige ist es meist unmöglich, die Arbeitszeit auf Null zu reduzieren. So auch bei mir. Familiäre Unterstützung durch meine Schwester und meine Mutter waren für mich nicht nur eine enorme Entlastung, sondern einfach notwendig.
 
Obwohl Tirol im Herbst 2020 in Deutschland als Risikogebiet eingestuft wurde, war das Pendeln aus familiären oder beruflichen Gründen zunächst noch möglich. Selbstverständlich unter Einhaltung der sowieso geltenden Kontaktbeschränkungen in beiden Ländern. Grund dafür war eine Ausnahmeregelung in der damals geltenden Einreise-Quarantäneverordnung Bayerns.
 
Kurz nach Weihnachten war damit dann Schluss: Tirol wurde zum Virusvariantengebiet erklärt und die Ausnahmeregelung wurde außer Kraft gesetzt. Für Familien bedeutete das: Fünf Tage Quarantäne, danach die Möglichkeit, die Absonderung durch einen negativen Coronatest zu beenden. Für die „grenzüberschreitenden“ Familien hier ein Schock. Wer kann sich fünf Tage Quarantäne erlauben, um einmal auf den Enkel aufzupassen? Kaum jemand.
 
Nach einigen Wochen setzten wir große Hoffnungen in die Neufassung der bayerischen Einreise-Quarantäneverordnung. Inzwischen hatte es auf beiden Seiten der Grenze massive Kritik an dieser nicht nachvollziehbaren Regelung gegeben und auch die Politik war auf die Problematik aufmerksam geworden. Söder hatte all dies augenscheinlich nicht mitbekommen oder die Familien und Berufspendler der Grenzregion waren politisch nicht wichtig genug. Anstatt eine Ausnahmeregelung in die Verordnung einzufügen, wurde weiter verschärft. Jetzt galten 14 Tagen Quarantäne – ohne die Möglichkeit, die Quarantäne vorzeitig durch beispielsweise einen negativen Test zu beenden.
 
Für mich entspricht dieses Verhalten einer reinen Schikane, die nicht mehr im Verhältnis zum Infektionsgeschehen steht. Würde ich nur wenige Kilometer weiter wohnen, wäre familiäre Unterstützung ohne weiteres möglich gewesen. In den Sozialen Medien machte sich die allmähliche Verzweiflung der Betroffenen bemerkbar. Die Kitas und Schulen waren geschlossen, die Eltern mussten arbeiten, aber die Oma durfte nicht über die Grenze, um die Kinder zu beaufsichtigen.
 
Die Absurdität der bayerischen Regelungen zeigte sich auch besonders gut in Hinblick auf die beruflichen Pendler. Wer von Tirol nach Bayern pendelte, musste die Systemrelevanz seines Berufes nachweisen. Anderenfalls durfte nicht eingereist werden. „Lustigerweise“ galt das für Bayern, die nach Tirol pendeln, nicht. Wo bleibt hier die Sinnhaftigkeit? Für mich ist sie definitiv nicht gegeben.
 
Wirklich getroffen hat mich dann aber auch die Reaktion von beiden Seiten der Grenze, als nach vielen Wochen endlich die Grenzöffnung von bayerischer Seite verkündet wurden. Weder die Bayern, noch die Tiroler haben Schuld an den politischen Entscheidungen der verantwortlichen Politiker. Persönliche Missgunst gegenüber den Tirolern oder den Bayern finde ich daher absolut unangebracht. Freuen wir uns doch alle, dass das familiäre und berufliche Pendeln endlich wieder uneingeschränkt möglich ist. Tirol und Bayern sind wirtschaftlich und gesellschaftlich eng miteinander verbunden. Hoffentlich ist das mittlerweile auch Herrn Söder bewusst geworden. Dann dürften wir in Zukunft nur noch Maßnahmen erwarten, die auch verhältnismäßig sind.“
 
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